DIE MARQUISE VON O… Kleist (2007)

Premiere: 20.04.2007

Preise

18,-€ normal
14,-€ ermäßigt
9,-€ Schüler und Studenten
7,-€ Frankfurt-Pass

1.30h ohne Pause

Die Marquise annonciert: dass sie, ohne ihr Wissen, in andere Umstände gekommen sei, dass der Vater zu dem Kinde, dass sie gebären würde, sich melden solle; und dass sie, aus Familienrücksichten, entschlossen wäre, ihn zu heiraten…“. Kleist, immer auf der Suche nach dem Schock. Kleist, immer interessiert an den Ratlosen, den Verwirrten, den bis zum verstummen Erstaunten. Kleist, der Bildbeschreiber der gebrechlichen Welt.

Die Presse schrieb:

Willy Praml gönnte Birgit Heuser als „Marquise von O. . .“ einen souveränen Diven-Auftritt in der Naxoshalle Frankfurt. Zum Divo, zur Diva im Sinn italienischen Theaters gehörten oft dienende Schauspieler minderer Qualität („guitti“), die den Star stumm oder chorisch umtänzelten. Noch der alte Vittorio Gassman verfuhr oft so. Nun wäre es falsch, Michael Weber oder Tim Stegemann, laut Personalzettel „Cherub 1“ und „Cherub 2“, als Guitti zu verunglimpfen. Um aber Birgit Heuser zum wirkungsvoll-nuancenreichen Divenauftritt zu verhelfen, stellten sie eigenes Glänzen hintan. Heuser befleißigt sich in ihrer (Solo-)Tirade zum Glück nicht des Sing-Stils aus Italiens rhetorisch-pathetischem Deklamationstheater, der in unseren Breiten eher hohl wirkt, sondern spielt stilisiert-realistisch. Mal wendet sie sich mit Kleists indirekter Rede-Prosa an unsichtbare Figuren, mal schlüsselt sie den Spielraum auf Räume der Novelle hin auf, intoniert widerstreitende Dialogstimmen und verlebendigt Kleists Syntax, um Spannung und Bewegung zu erzeugen. Weber (auch Bühne) und Stegemann als „Cherubime“ gehen sicher aufs Motiv der Jungfrauengeburt zurück. Nicht umsonst verlegte der Preuße Kleist seine Novelle 1808 trotz des Rekurses auf Montaignes Essay über die Trunksucht ins Oberitalien seiner Zeit. Seine verwitwete Titelheldin (Heuser im schwarzen Abendkleid) bemerkt einige Zeit nach ihrer kriegerischen Rettung durch Graf F. und einer folgenden Ohnmacht, dass sie – für sie unerklärlich – schwanger ist. Schon macht der Graf ihr einen Heiratsantrag, der nach langem heftigem Sträuben der Marquise, die nun ahnt, wer sie geschwängert hat, zur Heirat führt. Ihre Bedingung: F. muss auf alle ehelichen Rechte verzichten. F. fügt sich und beweist darin so viel Geduld, bis sie ihm verzeiht. Er würde ihr, sagt sie später, „nicht wie ein Teufel erschienen sein, wenn er ihr nicht (zuerst) wie ein Engel vorgekommen wäre“. Bespielt wird anfangs der nackte Vordergrund, manchmal mit Stühlen, Staffelei und Standuhr (die „Embryonenuhr“ tickt). Je subtiler Praml/Heuser das Thema beackern, je ernster sie das Göttliche und Irdisch-Gebrechliche nehmen, umso mehr verlagert sich das Geschehen dann in den Fabrik-Hinterraum. Denn jenseits der Hebammen-Realien arbeitet Praml mit kippenden, wie gemalten Säulen und Projektionen menschlicher Embryos seine Überhöhung heraus, die sich mit Heusers Divismo fein ergänzt, um im Physischen aufs Metaphysische, in Zeit auf Ewigkeit, in der Anekdote auf Göttliches abzuheben. Schöne Schauspielerregie – brava! (dek)

24.04.2007, FNP

Er hat seine Novelle mit Stühlen möbliert, denn als Vollblutdramatiker wusste Kleist, wie gern Schauspieler sich an Requisiten und Versatzstücken festhalten. Deshalb tragen in Willy Pramls Bühnenversion des Kleist-Textes zwei schwarzgewandete „Cherubim“ Stühle auf die Spielfläche aus weißem Styropor. Sie dienen als Orientierungshilfe für die Schauspielerin Birgit Heuser, die den schwierigen Prosatext über die unerhörte Begebenheit einer Vergewaltigung in anderthalb Stunden ganz allein spricht. Aber sie geben auch dem Grafen F. Halt, als er seinem ahnungslosen Opfer und dessen Eltern mit 15 „dass“-Sätzen zu Leibe rückt, um seinen wunderlichen Heiratsantrag zu rechtfertigen. Schon Kant hatte sehr auf die Ordnung der Stühle in seiner Wohnung gehalten, wenn ihn die Melancholie heimsuchte. Erst recht greifen Kleists Figuren nach solchen Stützen der Identität.“Möbelstücke der Ratlosigkeit“, nennt sie László F. Földényi in seiner Deutung der „Marquise von O . . .“ . Praml hat diese und weitere Gedanken des ungarischen Literaturwissenschaftlers und Essayisten für seine Inszenierung aufgenommen. Mit der Novelle von 1808 hat sein Theater in der Bornheimer Naxoshalle einen Kleist-Zyklus eröffnet, den Praml mit der Komödie „Amphitryon“ und den Texten „Von der allmählichen Verfertigung der Gedanken beim Reden“ sowie „Über das Marionettentheater“ fortsetzen will. Fürs Erste ist ihm ein ausgezeichneter Abend gelungen: Mit frenetischem und wohlverdientem Applaus feierte das Publikum die strenge, wenn auch etwas pompöse Inszenierung, vor allem aber die Vortrags- und Ausdruckskunst der Protagonistin. Praml hat die Prosa nicht dramatisiert. Kleist ist für ihn sakrosankt. Deshalb hat er den Text nur äußerst behutsam gekürzt und ihn ansonsten seiner Schauspielerin überlassen. Birgit Heuser spricht und spielt sämtliche Figuren: die italienische Marquise, die nicht weiß, von wem sie ein Kind erwartet, und daher eine entsprechende Annonce in die Zeitung setzen lässt; den russischen Grafen, der sie erst vor seinen Soldaten schützt und dann vergewaltigt, nachdem sie in Ohnmacht gefallen ist; den despotischen Vater, der seine Tochter verstößt, und die Mutter, die sie verflucht, bevor sie die Versöhnung mit einer List einleitet. Und woher kommen die Cherubim? Na, schließlich sieht die Marquise in ihrem reumütigen „Retter“ nur deshalb einen „Teufel“, weil sie ihn zunächst als „Engel“ empfunden hatte. Ohne dergleichen Widersprüche ist Kleist eben nicht zu haben. Ohne Fieber, Feuer und Ohnmachten ebenso wenig wie ohne jenen Gedankenstrich, den Gottfried Benn als den „gewaltigsten“ in der deutschen Literaturgeschichte bezeichnet hat – weil er die Vergewaltigung verschweigt und zugleich anprangert. Auch nicht ohne jenes Stocken im Redefluss, das Birgit Heuser so perfekt beherrscht. Während hinter ihr die Welt aus den Fugen geht angesichts einer Fötus-Projektion, während gewaltige Säulen kunstvoll zu Boden sinken, memoriert sie mit Todesverachtung den Text und schreitet dann zu einer dröhnenden Strauss-Einspielung über die Säulen hinweg: ein Heldenleben, eine Alpensinfonie von Frau, die einer gnadenlos bürgerlichen Welt Trotz bietet. Neben ihr verblassen sogar „Engel“ wie Michael Weber und Tim Stegemann zu Möbelträgern. 

24.04.2007, FAZ, Claudia Schülke
Regie

Willy Praml

Bühne/Kostüme
Michael Weber
Darsteller*innen

Birgit Heuser
Tim Stegemann
Michael Weber

Musik

Gregor Praml

Licht

Nico Rocznik

Bühnenbau

Guido Egert

Toneinrichtung

Oliver Blohmer
Debraj Roy

Fotos

Seweryn Zelazny

2020-02-06T15:23:48+00:00