Diskurs

Diskurs 2018-06-14T13:13:50+00:00
Willy Praml wurde dieses Jahr mit dem Walter Dirks Preis ausgezeichnet.
Dazu hier drei Beiträge von Willy Praml, Pfarrer Stefan Scholz und Bernd Heidenreich

Willy Praml: Meine Antwort auf die Verleihung des Walter-Dirks – Preises 2018

Für die Themen der Zeit, in die der Mensch hineingeboren wird, kann er nichts. Für das, was er daraus macht, ist er allerdings voll verantwortlich. Und dafür muss er seine Herkunft, seine familiären und seine sozialen und kulturellen Hintergründe, die ihn geprägt haben, befragen, sie verstehen und anwenden lernen.

Das Resümee, das Walter Dirks aus dieser Erkenntnis zieht, beschreibt er in seinen Selberbeschreibungen folgendermaßen: „Der Mensch ist ein Rollenspieler. Er spielt meist mehrere, deren Autoren er selbst, seine Lebenspartner und Gegner alle anderen sind, deren Erwartungen er einigermaßen entsprechen muss.“
Walter Dirks ist im Kaiserreich geboren, hat zwei Weltkriege und dazwischen ein Stück Frieden erlebt, hat zwei Inflationen, eine Restauration – die noch heute nachwirkt, wie er nicht aufgehört hat, zu erklären – und ein Konzil, dem er ebenfalls eine welthistorische Bedeutung zuschreibt. Er, der von Anfang an sich in die Konstellation eines schier unlösbar scheinenden, epochalen historischen und gesellschaftlichen Widerspruchs – ich sage mal vereinfacht: Kapitalismus und Sozialismus –
gestellt sah, hat aber die Hilfestellung zur Findung seiner persönlichen Stellungnahme sozusagen mit der Muttermilch eingesogen, wenn er beschreibt, wie seine Mutter auf die Aktion berittener Gendarmen, die beim Streik von 1908 im Ruhrgebiet auf demonstrierende Arbeiter dreinschlugen, mit der Bemerkung reagierte: “Da hängt nun ganz Hörde (Dortmund-Hörde, Walter Dirks Geburtsort) vom Hochofenwerk und Hüttenwerk ab, und da bilden sich die Herren ein, das sei Privateigentum“.

Dem gegenüber bin ich in einer glücklicheren Zeit aufgewachsen, wenn man das Glück mit dem Unglück davor vergleicht.
Aufgewachsen in einer Nachkriegsmetzgerei, wo es keinen Hunger, aber sonst auch nichts anderes gab und dann in einem katholischen Klosterinternat, in dem dem Elfjährigen das Abendland in seiner ganzen Fülle entgegenkam und ein Zusammenhang von Liturgie, Theater, Musik und Sprache sich sozusagen als wiederholendes Tagwerk, von morgens bis

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abends, herstellte.
Bei den Pfadfindern, wo einem nicht nur das Feuermachen mit zwei Steinen beigebracht wurde, sondern nebenbei auch – in den frühen 60er Jahren – das demokratische Mit-,
Neben- und Gegeneinander und – das Theatermachen.
Die für einen provinziellen Niederbayern unerwarteten, aber Neuland erobernden Begegnungen mit dem jahrhundertealten Erbfeind, den Franzosen – in den 60er Jahren, denen man plötzlich persönlich gegenüber stand , mit denen man sich auseinandersetzen, in die man sich sogar verlieben konnte . . .
und das mit Stolz auf die eigene `Grande Nation ́ sich dabei präsentierende Frankreich, der das Empfinden der eigenen, deutschen Schande schmerzlich vertiefte.
Die Suche nach Lösungen im Theater,
das – dem öffentlichen Charakter der Zeit entsprechend – Ende der 60er Jahre das
Potential für sich entdeckte, Menschen „von der Straße auf die Bühne“ zu holen zu können, ihnen eine Sprache zu geben – `donner la parole ́, wie die Franzosen schon früher als bei uns dieses Phänomen bezeichneten –, mit der sie, die plötzlich auf der Bühne sich Wiederfindenden, ihre eigenen Erfahrungen, Wünsche und Träume mit ihnen eigenen Worten ausdrücken und sich auf diese Weise in die gesellschaftlichen Prozesse einzumischen lernten.
Das waren damals die Arbeiterjugendlichen, dann die schon in Deutschland geborenen Kinder der noch Gastarbeiter genannten Neubürger unserer Gesellschaft, später die Bauern, die Pendler, die Industriearbeiter usw. – und das war dann die Sternstunde der künstlerischen Umsetzung dessen, was Oskar Negt und Alexander Kluge mit ihrer soziologischen Forderung nach Herstellung von „Öffentlichkeit und Erfahrung“ als gesellschaftliches, emanzipatorisches, lebenslanges politisches Lernen postulierten;
das waren die Auseinandersetzungen in den Zeiten von 68 um das Verhältnis von Politik und Kunst („Darf Theater das revolutionäre Proletariat vom Klassenkampf abhalten?“,
und ähnliche kuriose, um nicht zu sagen verbohrte Volkseinschüchterungen), also die lupenreinen Politkader auf der einen Seite und die in ihren Augen nützlichen, aber irgendwann – nach dem Eintreten der Revolution – überflüssigen `Sozialästheten ́ auf der

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anderen Seite.
Die beginnende Theaterarbeit als Arbeit an der Entdeckung der Welt,
ihrer unterschiedlichen Kulturen, ihrer sie jeweils prägenden Religionen;
das Glück der großen Theaterprojekte und die thatrale Erforschung der Geschichte unseres Landes und seiner Leute, das Welttheater: Dorf – die Industriegeschichte – das Europa der Regionen (als die – vielleicht auch zukünftige Alternative zum Europa der Vaterländer?), die rechten und linken Anfeindungen, aber auch die Kirchen und die Gewerkschaften als verlässliche Partner und Bezugspunkte der emanzipatorisch verstandenen Theaterarbeit.

Seit jetzt 50 Jahren mit Theater unterwegs, in Frankfurt und von Frankfurt ausgehend, alle möglichen Schichten unserer Gesellschaft durchleuchtend. Seit fast 20 Jahren an einem festen Ort , in der Frankfurter Naxoshalle , das denkmalgeschützte Highlight der Industriekultur unserer Gegend, in der die Erfahrungen aus der Zeit davor zusammengeflossen sind und weiter zusammenfließen und die zusammen mit den Theatermachern, die an diesem Ort mit angesiedelt sind, neue Wege erproben lässt in Inhalt, Form und Gebrauchswert für die Zeit um uns herum.

Hier wurde 120 Jahre lang gemischt, gepresst, geschliffen und gehärtet, heute feilen wir Theaterleute an diesem Ort an Texten, Stoffen und Mythen unserer Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Dieses riesige Kompendium an Theater konnte natürlich entstehen, weil es von Anfang an Menschen gab, die sich der gleichen gemeinsamen Sache verschrieben haben, als Schauspieler, Musiker, Filmemacher, Textemacher, Bühnenbildner, Licht- und Tonspezialisten, Handwerker und Zuarbeiter auf allen Gebieten des Managements und der Organisation. Ich möchte an diesem heutigen Tag es nicht versäumen, für die vielen ein halbes Jahrhundert mit ausfüllenden Freunde, Kollegen und Mitarbeiter einige und stellvertretend mit Namen zu nennen, ohne die meine Arbeit nicht das wäre oder geworden wäre, was sie jetzt ist: Birgit Heuser, Reinhold Behling, Jakob Gail und und und . . . vor allem natürlich Michael Weber, meinen auf allen Ebenen des Theatermachens mir zur Seite

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stehenden Kompagnon und Lebensgefährten, aber auch die Kollegen vom studioNaxos, die nunmehr schon im 5. Jahr den gemeinsamen Ort mit Leben, Ideen, Inhalten und Formen des Theatermachens füllen; natürlich auch meine beiden Kinder Joanna und Gregor mit ihren Familien, die an ähnlichen Projekten bauen.

Wo geht dieses Theater hin?
Ich hoffe nicht, dass der Ort: Naxoshalle an meine Person gebunden bleibt, vielmehr dass das Verständnis der hier entwickelten Theaterarbeit und ihre daraus gespeiste Wirkung auch über die nächsten Generationen hinweg an diesem Ort sich weiter entfalten und -entwickeln kann, ein Theater, das ein Experimentierraum ist und sich zum Laboratorium der POLIS, zum Spiegel des ungefilterten städtischen Lebens eignet, das mitwirkt an der Arbeit am Bewusstsein unserer Zeit.

Es gibt noch viel zu tun.
Und das Viele, das wir in der zurückliegenden, in unserer Zeit nicht erreicht haben,
kann das ? und es muss ! jetzt
durch eine neue Generation erreicht werden. Denn: verkörpert das System, in dem wir leben, das Ende der Geschichte des gesellschaftlichen Fortschreitens? Ist unser heutiges System des Wirtschaftens, des gerechten Verteilens gemeinsam geschaffener Güter,
der Gesundheits- und Menschenpflege, um nicht zu sagen der Kapitalismus, durch permanente Arbeit so zu entwickeln, dass am Ende ein, wie Walter Dirks dies bis zu seinem Tode mit Demokratischer Sozialismus mit menschlichem Antlitz bezeichnet hat, herauskommt? Ein gesellschaftlicher Zustand also, den es so doch noch nirgendwann gegeben hat, weder im Osten noch im Westen. Und was hat dies mit dem Christentum zu tun, wenn schon der Sozialismus ohne das christliche Denken nicht zu denken ist?
Und auch hier noch einmal Walter Dirks und seine Kernfrage: Warum hat das Christentum in 2000 Jahren kaum was anders als diesen brutalen Kapitalismus des späten 19. Jahrhunderts hervorgebracht, der sich heute so verfestigt hat, dass er wie eine Naturerscheinung begriffen und alternativlos anerkannt ist. Lassen sich überhaupt Begriffe aus der religiösen

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Welt wie
Nächstenliebe
Barmherzigkeit
Gleichheit aller vor Gott
auf die Politik übertrage? Und wenn ja, wie ginge das? Als religiös denkender Mensch

kommt mir da noch einmal eine Formulierung von Walter Dirks entgegen:
„So bin ich Katholik und suche ein Christ zu werden, der an der Kommunikation der Religionen und der Kulturen teil hat, die an die Stelle der Mission getreten ist.“
(Dirks, Bd. 8, S. 258)
Als politisch handelnder Zeitgenosse
hoffe ich auf das Zustandekommen von Formen einer die starren Parteienlager überwindenden und die Gesellschaft erfassenden Bewegung, welche die Themen aufzugreifen und einer Lösung zu zuführen in der Lage ist, die in der Luft liegen:
das Überleben menschlicher Existenz in einer nach menschlichem Maß geordneten Welt zu organisieren.
Als theatermachender Mensch
glaube ich an die Kraft der Phantasie, an die ordnende Fähigkeit der Kunst und an die Göttlichkeit der Liebe, die im schöpferischen Hervorbringen jeglicher Art enthalten ist. „Power in love“ – gab der Bischof von Chicago, Michael Curry, dem

englischen Brautpaar Prinz Harry und Meghan Markle mit auf den Weg, zitierte Martin Luther King und sprach die Hochzeitsgäste als „Brüder und Schwestern“ an.

Ich danke für den Walter – Dirks – Preis 2018, liebe Brüder und Schwestern, der mich zu diesem Nachdenken aufgefordert hat.

Willy Praml, Frankfurt am Main am 26. Mai 2018

Predigt Stefan Scholz

Dreifaltigkeit 2018

!

Gott baut sein Theater
und ist damit längst noch nicht an ein Ende gekommen.
Wo in diesem Sektor des Universums
die Materie sich zu stabilen Planetensystemen geformt hat,
toben andernorts unvorstellbare Kräfte,
als ob der Tanz der Elemente eben erst dem Urknall entsprungen sei, und wieder, an dritter Stelle, kollabieren einstige Ordnungen ins Chaos, aus dem sie sich vor Urzeiten herausgeschält hatten.
Gott „schuf“ nicht,
er „schafft“,

wie das Hebräische in Genesis korrekt zu übersetzen ist.

!

Am Rande dieses kosmischen Theaters
läßt Gott ein Wesen das Licht der Welt erblicken, dem er das gewährt,
was allein einem Gott erträglich ist:
Wissen um sich selbst
und damit auch Bewußtsein von dem,
wo und was gespielt wird.
Ungefragt in diese Existenz gezwungen,

verurteilt dazu, Mensch zu sein, genötigt, Mensch zu werden, auf Erden zu spielen,
in den Bewußtsein,

dieses Theater vor dem Universum aufzuführen,
auf die Bühne gestupst ohne Textbuch,
konfrontiert mit noch unbekannten Erwartungen der Mitspieler und einem unsichtbaren Publikum –
bis einem aufgeht,
jeder ist Schauspieler und Publikum zugleich,
jeder sucht seine Rolle
im dichten Gewebe horizontaler Verflechtungen. Wissenschaften brechen in diese kleine Welt herein
mit ihren Theorien über eine unendlich-endliche Welt. Christlicher Glaube setzt eine schmerzliche Vertikale
in der Behauptung eines Gottes,
in allem und über allem.
Jeder Mensch ist Spieler in einem Schaustück,
in dem jeder sich selbst zur Aufgabe gestellt sieht,
seine Rollen zu finden,
in dem Wissen um das Universum,

als Christ in dem Glauben an eine selbst das Universum

übersteigende, unvorstellbare Wirklichkeit.

!

Warum in diesem allgemeinen Theater ein besonderes Theater?
Die freien männlichen Bürger Athens
versammelten sich alljährlich im Theater,
um, anläßlich des Festes des Gottes Dionysos, Theaterspielen beizuwohnen. In den Komödien wurden ihnen schlechtere Menschen,

als sie gewöhnlich im öffentlichen Leben einer Stadt vorkommen,
vor Augen geführt.
Deren Blödigkeit trieb den Athenern vor Lachen die Tränen in die Augen, damit sie selbst im politischen Spiel ihres Gemeinwesens
das Potential ihres eigenen Menschsein nicht unterschritten
und sich nicht der Lächerlichkeit preisgäben,
indem sie allen Ernstes wie Narren agierten.
Die Tragödien führten ihnen bessere Menschen vor Augen,
als man sie in der Regel im Stadtbild antrifft,
die in ihrer Über-Menschlichkeit jedoch Gefahr liefen,
frevelnd mit den Göttern gleichzuziehen.
Selbst die Götter der Griechen mußten sich unter den Spruch der Moiren, der Schicksalsgottheiten, beugen,
wehe dem Menschen, der in die Sphäre der Götter einbrach –

sein Untergang stand fest.
Hinter sich zurückbleiben,
über sich hinaus fallen –
beides zerstört den einzelnen,
beides kann für ein Gemeinwesen verheerend enden,
denn aus beidem erwächst eine irrationale Politik und törrichtes Handeln. Die goldene Mitte suchen,

die eigenen Kräfte in ́s Lot bringen,
jeder wird er selbst im Konzert mit anderen –
der Gang ins Theater reinigte in Athen die Zuschauer von dem Verlangen, in der Öffentlichkeit den Deppen zu geben oder den Macho zu spielen

und so den Staat zu gefährden.

!

Die kunstvolle Überbietung und künstlerische Verdichtung menschlichen Verhaltens und menschlicher Charaktere im Theater erst machen gekünzeltes Verhalten und kunstfreie Phantasielosigkeit
im Leben bewußt.
Eine Gemeinschaft geht zugrunde
und das Theater stirbt mit ihr,
wenn jeder nur noch sehen will,
was er sehen möchte,
schlechter Geschmack den Spiegel theatraler Selbsterkenntnis trübt

und Menschen meinen,
sie könnten des Theaters entbehren,
um sich selbst nicht mehr auf die Schliche kommen zu müssen,

weil niemand sie öffentlich widerspiegelt.

!

Die Theologen der ersten Jahrhunderte
wahrten dem Theater kein freundliches Gedenken.
Man hatte es selbst erlebt oder wußte noch darum,
daß in öffentlichen Schauspielen Christen das Martyrium erlitten hatten. In der niedergehenden antiken Welt
waren die Bühnenbretter vielerorts nur mehr Belustigung,
boten aber selten Herausforderndes.
Menschen könnten sich in Scheinwelten verirren,
sich Gottes Hand entwinden und fremden Göttern in die Arme werfen, so fürchtete man,
weil die Verehrung der Götter der Ursprung des Theaterspiels war. Schauspieler dienten dem Schein,
lockten vom Sein weg,
lebten selbst zügellos
und verführten zu Ekstasen,
an deren Ende der Katzenjammer der Nichtigkeit den Orgiasten erwarte, argwöhnte man,

nicht zuletzt weil etliche prominente Christen selbst
vor ihrer Taufe gefangen waren in der Freiheit der Großstädte, wo alles erlaubt war, was gefiel.
Die Schauspieler bannend,

hielten sie die Dämonen aus ihrer eigenen Vergangenheit in Schach.

!

Erst als das Christentum staatstragend wurde, getraute es sich,
selbst zu spielen,
im dann ausgefeilten Heiligen Spiel der Liturgie; in späteren Jahrhunderten

in Aufführungen der Heilsereignisse von Weihnachten und Ostern; in den großen Jesuitentheatern,
um dem reformatorischen Wort
das katholische Sakramentsverständnis sinnlich entgegen zu halten,

daß auch Materie sich glaubend wandle durch Gottes Wort.

!

In christlichen Kreisen herrscht die Meinung vor, Theater ist nützlich, aber nicht wesentlich. Schön, daß es das Theater gibt,
gäbe es kein Theater,

auch gut.

!

Hans Urs Kardinal von Balthasar,
einer der großen Theologen des 20. Jahrhunderts,
dreht den Spieß um.
Ausgehend vom heutigen Festtagsgeheimnis,
der Heiligsten Dreifaltigkeit,
macht er das Theater zum Dreh- und Angelpunkt seiner Theologie: Das Universum – das Theatergebäude;
die Erde – die Bühne;
Gott – der Autor des Stücks;
dessen Inhalt – Menschwerdung;
Schauspieler – wir Menschen;
der Schauspieler schlechthin – Jesus Christus:
in einem Menschen spielt sich Gott ein in den Menschen;
der Mensch spielt sich in einem Menschen ein in Gott.
Gott tritt als Schauspieler ein in sein eigenes Stück und wird Mensch, ohne sein Gottsein zu verlieren.
Als Mensch spielt er sich ein in sein eigenes Gottsein,
ohne sein Menschsein zu verlieren.
Gott exerziert am eigenen Leib durch,
was er dem Menschen aufgegeben hat,
als er ihn ins Dasein rief:

Mensch werden zu müssen,
mit der geschichtlichen Erfahrung aller Zeiten,
es nur ungenügend werden zu können.
Wie ist dieser zerreißende Spagat auszuhalten,
endlicher Mensch sein zu sollen
mit dem göttlichen Wissen im Menschen,
wie es um diese Welt bestellt ist?
Der Mensch muß über sich hinaus;
wird er es können,
ohne sich zu versteigen,
Gott werden zu müssen,
weil sein Wissen um sich und die Welt sein Menschsein sprengt? Der Mensch darf auch nicht hinter sich zurück bleiben.
Denn fiele er vom Menschsein ab,
würde er nicht zum Tier,
dessen Leben artgerecht und natürlich ist,

er fiele weiter unter das Tier und würde zum Ungeheuer.

!

Gott spricht sich aus in seinem Wort
und spricht in dieses Wort die Sendung aus, alles zu tun zum Heil der Menschen;
„und das Wort ist Fleisch geworden

und hat unter uns gewohnt,
und wir haben seine Herrlichkeit geschaut,
die Herrlichkeit des einziges Sohnes vom Vater,

voll Gnade und Wahrheit.“

!

Nach der Menschwerdung des Wortes Gottes
erkennen wir den, der es gesprochen als, als den Vater,
das Wort selber als den Sohn,
ihre gegenseitige Liebe und unverbrüchliche Einheit als den Heiligen Geist, von beiden gehaucht.
Gott ist in Liebe geeinte Verschiedenheit
und als Liebe in der Mannigfaltigkeit dieser Welt erschienen,
die sie eint, ohne sie ihrer Vielheit zu berauben.
Liebe bedarf des Vielen in seiner bleibenden Differenz
und eint das Verschiedene,
ohne sein Verschiedensein zu gefährden.
Liebe ohne Verschiedenheit gibt es nicht.
Ohne Einheit des Verschiedenen – keine Liebe.
Gott ist Liebe.

Er lebt die Quadratur des Kreises.

!

Diese Quadratur,

an dessen Gelingen mehr denn je
Frieden, Freiheit und soziale Gerechtigkeit hängen,
in dieser Welt,
deren Verschiedenheit von Menschen auf keinen Nenner mehr zu bringen ist, hat der Schauspieler Jesus in seiner Rolle als Erlöser so eingelöst,
daß sein eigenes Kreuz Menschen in ihrem Kreuz Hoffnung schenkt,
daß der Mensch menschlich wird,
wenn er sich selbst erkennt in seiner Zerrissenheit,
wenn er dieser Zerreißprobe nicht ausweicht,
wenn er den Sprung in den Glauben wagt,
daß er heil wird,
auch wenn er verwundet bleibt.
Im Tod ist das Leben.
Die Liebe ist ohnmächtig in Gewalt.
Liebend ist der Liebe nichts unmöglich.

Das Christentum zelebriert die Widersprüche.

!

Den Menschen zur Darstellung zu bringen,

Texten aus der Vergangenheit

durch Schauspielkunst, Regie, Zelebration Leben einzuhauchen,

darin berühren sich liturgisches Spiel und Theaterspielen.

!

!

Willy Praml zu ehren ist der katholischen Kirche in Frankfurt eine Ehre, weil dieser machtvolle Spielleiter gar nicht anders kann,
als groß vom Menschen zu denken
und ihn nicht anders darzustellen vermag

als in den Dimensionen des Welttheaters,

anschaulich in der überlangen Industriehalle auf Naxos repräsentiert,

und in literarischen Texten aus allen möglichen Zeiten verbürgt.

!

Daß Menschsein sich nicht vom luftleeren Raum speist,
sondern erst wächst in Gerechtigkeit und Frieden,
Theaterspiel immer auch Kritik der herrschenden Verhältnisse ist – der Walter-Dirks-Preis in diesem Jahr

hat auch in dieser Hinsicht einen würdigen Preisträger gefunden.

!

Alles Ehren des Theatermannes hülfe aber uns Christen nichts,
bliebe die Schauspielkunst unseren Herrn Jesus Christus vergessen, fehlte es uns an Bewußtsein,
in welchem Stück Gottes des Vaters wir selbst zu spielen berufen sind, triebe sein Heiliger Geist uns Christen nicht mehr
aus der Rolle der Zuschauenden auf die Bühne unseres Lebens, blieben wir Gott schuldig,

wo er seine Schuldigkeit uns gegenüber eingelöst hat: Mensch zu werden,
die Quadratur des Kreises zu wagen,
die Widersprüche zu einen,

ohne sie aufzulösen,

die Logik der Liebe gegen die Logiken der Gewalt zu setzen.

!

Dieses Spiel beginnt gleich,
wenn wir uns in der Liturgie eingespielt haben werden,
unser Leben zu deuten aus dem Geheimnis des dreifaltigen Gottes, Mensch geworden,
von Menschen gekreuzigt,
aus Liebe zu den Menschen von den Toten auferstanden,

es beginnt gleich jenseits der Kirchentür.

!

Das Theater braucht heute die Kirche nicht,
die Kirche aber sehr wohl das Theater.
Hier tritt uns entgegen,
was wir auf eigener Bühne kaum mehr inszenieren aus einem Mißverstehen dessen,

was Liebe Gottes heißt,
In der Verkündigung wird oft daraus eine Schnulze.

Weil wir Gott nicht mehr zutrauen,
im realen Leben der Gott der Liebe zu bleiben,
müssen wir ihn vor dem Leben schützen,
damit er der liebe Gott sein darf,
im Ghetoo unserer theatralen Liturgie,
um den Preis,
für das Leben nicht mehr zu taugen:
das Drama des Lebens,
die Tragödien der Menschen,
die Komödien ihrer Kleingeistigkeit,
das Scheitern der Menschwerdung
und die nicht endenden Anläufe,
es wieder und wieder erneut zu versuchen,
Mensch zu werden,
weil der Mensch nicht aufhören kann zu lieben,
auch wenn Geschichte und Gegenwart Litaneien der Lieblosigkeit herbeten, all dies kommt anderenorts zur Sprache,
wird dort gespielt,

selten ier.

!

Gäbe Gott,
es würde auch in der Kirche so aufgeführt,

wie es auf Naxos auf die Bühne gebracht wird. Das Stück, die Bibel,
das Leben, unser Theater-Gott,
alles ist da.

Was fehlt,
die Schauspieler.

„ Willy Praml ist es gelungen, den Menschen im Licht der göttlichen Botschaft auf die Bühne zu bringen“

Grußwort zur Verleihung des Walter-Dirks-Preises 2018 am 26.5.2018

von Stadtrat Dr. Bernd Heidenreich

I.

Ich überbringe Ihnen allen zur Verleihung des Walter-Dirks-Preises 2018 die besten Grüße und guten Wünsche unseres Oberbürgermeisters Peter Feldmann und unseres Bürgermeisters Uwe Becker, den ich heute in seiner Funktion als Kirchendezernent vertreten darf. Vor allem gratuliere ich Willy Praml für den Magistrat der Stadt Frankfurt von Herzen zu dieser angesehenen Auszeichnung.

Willy Praml zählt als eine Art „Ikone des Freien Theaters“ zu den prägendsten und kreativsten Persönlichkeiten des kulturellen Lebens in Frankfurt. Das hat uns Eva-Maria Magel in ihrer Laudatio noch einmal in Erinnerung gerufen.

Dabei hat er in seinem künstlerischen Wirken, aber auch in seinem gesellschaftspolitischen Engagement seine christlich-katholischen Wurzeln niemals verleugnet. Er ist damit – um es in der Sprache des Theaters zu sagen – eine nahezu ideale „Besetzung“ für einen Preis, der Glaube und soziale Verantwortung auf einen Nenner bringen möchte.

II.

Der Walter-Dirks-Preis ist in vielfacher Hinsicht etwas besonderes. Er erinnert an den katholischen Publizisten Walter Dirks (1901 – 1991), der mit seinem Leben und Werk, seinem politischen und gesellschaftlichen Engagement für einen sozial engagierten Katholizismus steht und der in Frankfurt unvergessen bleibt.

Seit 2010 werden mit diesem Preis vom katholischen Bildungszentrum Haus am Dom und vom Haus der Volksarbeit Menschen geehrt, die sich aus christlicher Verantwortung für soziale Gerechtigkeit engagieren. Es sind Menschen, denen es gelungen ist, in Politik, Gesellschaft und Kultur Brücken zu schlagen zwischen verschiedenen Konfessionen, Religionen, politischen Überzeugungen und sozialen Gruppen.

Solche Persönlichkeiten brauchen wir heute mehr denn je in der internationalen Metropole Frankfurt, in der die kulturellen, religiösen und sozialen Gegensätze größer werden.

Obgleich bei uns Integration besser funktioniert als anderswo und wir in Frankfurt die Flüchtlingskrise – auch Dank des vorbildlichen Zusammenwirkens von Stadtpolitik und Stadtkirchen – gut gemeistert haben, spüren wir doch auch hier, wie unser Land an innerem Zusammenhalt verliert und die gesellschaftliche und politische Polarisierung wächst.

Die Spitzen von Wirtschaft, Kultur und Politik und die Kassiererin im Rewemarkt an der Ecke leben längst in unterschiedlichen Wirklichkeiten – gerade im Banken- und Finanzzentrum Frankfurt.

Viele Menschen fühlen sich unverstanden und abgehängt. Es geht dabei keineswegs nur um soziale Gerechtigkeit und sicherlich nicht in erster Linie um echte materielle Not. Es geht vielmehr um ein diffuses Gefühl der Ohnmacht, Ausgrenzung und Verlorenheit, nicht selten verbunden mit einer spirituellen Leere und einem Verlust der Wertorientierung.

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Die Folgen für unsere Demokratie sind dramatisch:

Die Mitte schrumpft und die Extreme wachsen. Populisten und Scharlatane haben Hochkonjunktur. Vor allem auf der rechten, aber durchaus auch auf der linken Seite,was gerne übersehen wird.

In dieser Lage benötigen wir in Frankfurt darüber hinaus
– Anwälte der Schwachen und aller, die durch das soziale Rost unserer Gesellschaft zu fallen drohen,
– nachdenkliche Mitbürger und kreative Künstler, die uns daran erinnern, dass der Mensch nicht nur vom Brot allein lebt,
– vor allem aber „Brückenbauer“, die der Spaltung unserer Gesellschaft die geduldige Arbeit am versöhnenden Miteinander entgegensetzen.

Die bisherigen Träger des Walter-Dirks-Preises bilden eine beeindruckende Reihe solcher Persönlichkeiten.

Fast alle wurzeln sie in einem starken Glauben. Das ist sicherlich kein Zufall. Denn soziales Engagement und Zivilcourage bedürfen eines Wertefundaments, sonst schweben sie im luftleeren Raum.

Schon Mitte des 19. Jhs. haben Christen beider Konfessionen nach Antworten auf die sozialen Fragen und die gesellschaftlichen Problemlagen gesucht, die in die katholische Soziallehre und die evangelische Sozialethik mündeten. Sie bezogen sich dabei allerdings nicht auf eine materialistische Betrachtung der Welt, wie sie der Marxismus anbietet, sondern auf den Glauben, auf den Auftrag des Evangeliums und auf die Liebe zu Gott,aus der sich die Liebe zum Nächsten ableitet.

Ein Leserbrief an die FAZ zur Theologie des Kreuzes hat diesen Zusammenhang kürzlich auf die schlichte Formel gebracht:
„Die humanitäre Botschaft der Öffnung für den anderen ist nicht der Inhalt des christlichen Glaubens, sondern seine Konsequenz. (FAZ, 22.5.18)“

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Damals wie heute ist deshalb Gott das zentrale Motiv des gesellschaftlichen und sozialen Engagements eines Christen. Das verbindet ihn mit vielen großen Weltreligionen, vor allem mit dem Judentum.

Christentum erschöpft sich natürlich nicht in reiner Spiritualität, es muss sich immer auch im Engagement für den Nächsten in der Welt beweisen. Gleichwohl bleibt es ein Gesamtpaket: Nächstenliebe und Solidarität sind ohne den Glauben nicht zu haben. Jesus Christus war eben mehr als eine antike Variante des Sozialarbeiters.

So machen uns der Walter-Dirks-Preis und seine Preisträger immer wieder neu bewusst, dass soziales und gesellschaftliches Engagement von Werten lebt, die ihm zugrunde liegen, will es nicht in reinen Aktivismus verfallen.

Es ist selbstverständlich, dass der Staat solche Werte nicht schaffen kann und er dafür auf die Religionsgemeinschaften, vielleicht auch auf die Kunst angewiesen bleibt.

Gesellschaftlicher Zusammenhalt lässt sich jedenfalls nicht durch die Rituale politischer Korrektheit und die Verteilung materieller Wohltaten herstellen, sondern nur, indem es uns gelingt, die Werte zu vermitteln, die unser Gemeinwesen tragen und durch das Vorbild glaubwürdiger Persönlichkeiten bestätigt werden.

Es ist das große Verdienst der Kirchen und des Walter-Dirks-Preises, immer wieder auf solche Persönlichkeiten aufmerksam zu machen.

Dafür danke ich ihnen und den Organisatoren der heutigen Preisverleihung für die Stadt Frankfurt sehr herzlich.

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III.

Eine dieser Persönlichkeiten ist der diesjährige Preisträger.

Willy Praml ist ohne seine christlichen Wurzeln nicht zu denken. Bayrische Herkunft und katholische Prägung sind bei ihm mit einem außergewöhnlichen pädagogischen und sozialen Engagement eine glückliche Verbindung eingegangen, die seine Ästhetik bestimmen und sich in seinen Theaterprojekten spiegeln. Schon früh hat er die Schlüsselfunktion der ästhetischen und musischen Bildung für die Integration von Jugendlichen, Arbeiterkindern und Migranten erkannt. So ist er im Wortsinne zu einem „Pfadfinder“ einer modernen, integrativen Theaterarbeit geworden.

Sein 30jähriges Wirken an der Hessischen Jugendbildungsstätte Dietzenbach und seine Frankfurter Projekte dokumentieren diese Arbeit. Die von ihm 1991 gegründete Theatergruppe und seine Inszenierungen in der ungewöhnlichen Spielstätte Naxos-Halle sind zu Markenzeichen des Freien Theaters in Frankfurt geworden. Unvergessen bleiben seine Faustinszenierung in der Paulskirche zum 1200. Jubiläum der Stadt (1994) und sein beherztes Eintreten für die Integration von Flüchtlingen in der Flüchtlingskrise der Gegenwart.

Uns Christen interessiert jedoch darüber hinaus ein anderer Schwerpunkt seiner Arbeit: Seit 13 Jahren inszeniert er die Geschichte des Lebens, Leidens und Sterbens Jesu und holt damit Christus nicht nur auf die Bühne, sondern schafft ihm Raum in der Mitte der Gesellschaft. Allein 2018 wurde viermal die Passionsgeschichte gegeben. So aktiviert er die christliche Botschaft für die Gegenwart und hält zugleich den gesellschaftlichen und politischen Eliten unserer Zeit einen Spiegel vor.

Dafür danke ich ihm und seinem Theater im Namen des Magistrats.

Denn mit Recht hat Friedrich Schiller in seinem Aufsatz über die „Schaubühne als moralische Anstalt“ bemerkt:

„Eine merkwürdige Klasse von Menschen hat Ursache, dankbarer als alle übrigen gegen die Bühne zu sein. Hier nur hören die Großen der Welt, was sie nie oder selten hören – Wahrheit; was sie nie oder selten sehen, sehen sie hier – den Menschen.“

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Lieber Herr Praml!

Als Stadtrat und als katholischer Christ gratuliere ich Ihnen nicht nur zur Verleihung des Walter-Dirks-Preises 2018, sondern auch dazu, dass es Ihnen gelungen ist, immer wieder den Menschen im Licht der göttlichen Wahrheit auf die Bühne zu bringen.