Interview in FRIZZ 4/2020

Branchen in der Krise – Wie überleben wir? Theater Willy Praml

Noch vor kurzem war es kaum vorstellbar, was aktuell in der ganzen Welt ausgebrochen ist. Die Covid 19-Pandemie, die für Gastronomie, Einzelhandel, Selbständige und so viele mehr an die Existenz geht. FRIZZ Das Magazin befragte stellvertretend eine Auswahl von Menschen unterschiedlicher Branchen, die besonders von den Folgen der notwendigen Eindämmungsmaßnahmen betroffen sind.

Willy Praml, Theater Willy Praml

Willy Praml (78, lebt in Frankfurt) und Michael Weber gründeten 1991 das Theater Willy Praml als freies Theater, das sich seit dem Jahr 2000 in der Naxoshalle im Frankfurter Ostend befindet. Die Arbeit dieser Theatercompagnie zeichnet sich durch große, raumgreifende Inszenierungen aus, die den „industriekathedralen“ Charakter ihrer Spielstätte, der Naxoshalle, s oder öffentliche Räume nutzen. 2011 wurde das Theater von der Stadt Frankfurt mit dem Binding-Kulturpreis ausgezeichnet.

Alle Theater haben geschlossen, vorerst bis zum 19. April. Was bedeutet dies für das Theater Willy Praml und generell für die Branche?

Wir mussten eine Premiere absagen, Edward Albees „Wer hat Angst vor Virginia Woolf? in der Debut-Regie des Schauspielers Michael Weber. Schlimm, wenn nach Wochen der Proben keine Zuschauer zum Zuschauen kommen und jetzt auch noch die nächsten zwanzig Vorstellungen ausfallen, die Kosten für die regelmäßig anfallenden Verpflichtungen aber bleiben. Aber wer hat nichts zu jammern? Wir werden unsere Premiere einfach um einige Wochen verschieben, in eine Zeit, in der wir alle wieder gern in die Öffentlichkeit gehen, uns ohne Bedenken umarmen und mit Vergnügen eng nebeneinandersitzen, um dem Leben und Sterben auf der Bühne zuzusehen. Wir hoffen, wie alle Frankfurter Theater, in vier Wochen wieder spielen zu können. Wir hoffen! Bis dahin: „Komm Ins Offene, Freund! / zwar glänzt ein Weniges heute …  /Trüb ists heut, es schlummern die Gäng und die Gassen und fast will / Mir es scheinen, es sei, als in der bleiernen Zeit. / Dennoch gelinget der Wunsch, Rechtglaubige zweifeln an Einer / Stunde nicht und der Lust bleibe geweihet der Tag“ / … dem nächsten, dem Hölderlin-Jahr entgegen.

Für viele Menschen fällt mit dem Theaterbesuch ein Kulturgenuss weg. Ist ein Onlineangebot möglich?

Online sollen die Menschen hübsch weiter Unterwäsche, Hausgeräte, T-Shirts, Hundefutter und den ganzen Kram bestellen, auch Serien gucken, was weiß ich. Theater geht nicht online. Da braucht es Dreidimensionalität; Spieler und Zuschauer müssen in einem Raum atmen. Vielleicht gibt es irgendwann wieder einen Hunger, genau danach, und dann sind die Theater voll. Eine schöne Aussicht.

Wird diese Pandemie durch die bislang eingeläuteten Maßnahmen zu bekämpfen sein oder sind ihrer Meinung nach weitere Maßnahmen wie zum Beispiel Ausgangssperren notwendig?

Da fragen Sie den Falschen. Ich bin in diesen Dingen kein Experte und muss zugeben, dass ich dazu neige, gern die allgemeinen Regeln zu brechen, wenn ich mich eingeschränkt fühle – einfach, weil ich mir zutraue, selber verantwortlich handeln zu können. Früher konnte ich es z.B. nicht ertragen, nachts vor roten Ampeln zu warten, wenn weit und breit kein Mensch zu sehen war. Ich hatte dann aber irgendwann meine 13 Punkte in Flensburg und musste mich kleinkriegen lassen. Heute glaube ich sogar der Bundeskanzlerin, dass wir alle hübsch zuhause bleiben sollen.

Sie werden in diesem Jahr 79 Jahre alt und zählen damit zur Risikogruppe. Wie gehen Sie damit um?

Seit ich Ende letzten Jahres einen Schlaganfall hatte, bin ich zum ersten Mal mit meiner eigenen Sterblichkeit konfrontiert worden. Ich bin heute ein bisschen ängstlicher geworden und hänge noch mehr am Leben, seitdem ich es fast verloren hätte. Ich wasche mir also, wie empfohlen, die Hände, fahre mit fast leeren Straßenbahnen, laufe mit meinem Freund an der frischen Luft, arbeite vorwiegend zu Hause am nächsten Stück, vermeide aber, Artikel über Corona zu lesen und schalte Sendungen im Fernsehen über Corona ab, damit ich nicht anderweitig krank werde. Gern würde ich mit der alten Hybris sagen: Ich bin mir sicher, dass ich irgendwann auch infiziert bin, nicht daran sterbe und zu den Immunen gehöre. Ich bin eine zähe Natur. Aber demütig bleibt mir nur zu sagen: Leben wir wohl!

https://frizz-frankfurt.de/Kultur/buehne/branchen-in-der-krise-wie-überleben-wir-interview-mit-dem-th/