Schwarzes Brett

Schwarzes Brett 2019-10-15T16:59:11+00:00

Stellungnahme Freie Szene

Theater Willy Praml/ studioNAXOS

Theater für die Zukunft

Eine Stadt bemüht sich um Lösungen

Frankfurt und seine freien Theatergruppen brauchen „Ein Haus für die freie Szene“, war eine kürzlich zu lesende, aktuelle Schlagzeile. Diese Forderung taucht regelmäßig auf, wenn´s ums Geld geht – wie aktuell Ende August anlässlich der Bekanntgabe der Förderbescheide für das kommende Jahr durch die Stadt. In der legitimen Debatte um die nachhaltige Finanzierung der prekarisierten Theaterszene geht es immer wieder auch um die Frage, an welchem Ort ein Projekt wie das geforderte Haus realisiert werden könnte. Seit einigen Jahren arbeiten mehrere freie Gruppen im Theater in der Naxoshalle an einem zukunftsfähigen Modell zeitgenössischer Theaterarbeit, das heterogene Ästhetiken und Arbeitsweisen verbindet. Mit absehbaren Investitionen ließe sich der Spielbetrieb so erweitern, dass noch weitere Gruppen eingeladen werden können, an diesem Modell teilzuhaben. Es braucht nicht viel mehr als eine Entscheidung der Kulturpolitik. Ein Plädoyer für ein neues, freies Theater der Zukunft.

Das Industriedenkmal Naxoshalle war schon immer ein begehrter Spielort. Als vor gut zehn Jahren die Diskussion aufkam, dass es eine fehlende Basisförderung für Theater der nachwachsenden Künstlergenerationen gäbe, kam es zu Debatten, die anfangs unter dem Label Generationenkampf ausgetragen wurden – die Alteingesessenen gegen eine neue, rebellische Avantgarde. Verstärkt wurde diese Deutung durch eine im Jahr 2012 im Auftrag des städtischen Kulturamts durchgeführte Evaluation der Freien Theaterszene in Frankfurt, welche forderte, vernachlässigten Formen der Darstellenden Künste (die seither unter dem Begriff „Postdramatisches Theater“ firmieren) gesellschaftlichen Raum zu geben. Die damit einhergehende Kritik an den zu diesem Zeitpunkt vorherrschenden Inhalten und Formen des freien Theaterschaffens in der Stadt brachte die Leitung des Theater Willy Praml mit ihrer Spielstätte auf den Plan, die Probe aufs Exempel zu machen. Das Ziel war, die vermeintlichen Gegensätze zwischen den Kulturschaffenden fruchtbar zu machen und sich diese Auseinandersetzung ins Haus zu holen. Diskussionen mit jüngeren Theaterschaffenden und Studierenden der  Darstellenden Künste in unserer Region führten zu dem Ergebnis, neben dem Theater Willy Praml, das sich in der Auseinandersetzung mit klassischen Mythen, Stoffen und Texten unserer Kultur- und Geistesgeschichte übte, Produktionen mit anderen Inhalten und Formen aufzunehmen. Eine erste Antwort auf diese Problemkonstellation waren Kooperationsabsprachen mit dem Künstlerlabel ID_Frankfurt, die sich im Sommer 2013 unter dem Titel „Implantieren auf Naxos. Ein Produktionsfestival der zeitgenössischen Darstellenden Künste“ realisierten.

Ab dem Jahr 2014 kam dann die Kooperation mit Absolventen und Absolventinnen der Hessischen Theaterakademie zustande, die unter dem Label studioNaxos anfingen, die Spielstätte in der Naxoshalle für eigene Theatervorhaben zu nutzen. Aus diesem Anfangsimpuls hat sich seither eine florierende Zusammenarbeit entwickelt, die nun schon im fünften Jahr – neben neuen, zeitgenössischen Formen von Theater – auch Strukturen gemeinsamen Produzierens, Verwaltens und Organisierens hervorgebracht hat. So hat sich in den letzten Jahren eine Form der generationenübergreifenden und künstlerisch vielfältigen Theaterarbeit ergeben, die modellhaft das schon tut, was der Ruf nach einem “Haus für die freie Szene” fordert: Wir haben in den letzten Jahren ein Produktionshaus geschaffen, das anfangs von der Theaterarbeit eines Ensembles – mit expliziter Verortung in und für eine Stadt – geprägt war und inzwischen ein offenes Produktionshaus für unterschiedliche freie Gruppen und Theaterstile geworden ist, die auch überregional und deutschlandweit erfolgreich sind.

Literaturtheater und Performance, Avantgarde und Klassiker, Tanz und Konzerte, Newcomer und Etablierte: Seit dem Jahr 2014 bestreitet das Gründungstheater Theater Willy Praml  zusammen mit dem studioNaxos den Spielplan der Naxoshalle als eine Spielstätte mit einem großen und einem kleinen Haus, als Kulturzentrum mit Kino, mit einer Konzertreihe, mit ergänzenden kulturellen und künstlerischen Veranstaltungsformaten und über 150 Spielterminen pro Jahr – und das als Mehrgenerationenhaus. Als Voraussetzung hierfür erwiesen sich die städtischen Förderinstrumente als Fundament, wenn auch viel Arbeit in  ehrenamtlichem Einsatz gestemmt wird. Die Förderung als Dreisäulen-Modell (Theater Willy Praml / studioNaxos / Spielstätte Naxoshalle), die Suche nach Lösungen für die beständig überholungsbedürftige technische Ausrüstung dieser riesigen Spielstätte, die aufgrund ihres Raumpotentials aber auch unterschiedliche Spiel-Formate ermöglichen hilft,  sowie die Inanspruchnahme von Drittmittelförderungen (durch verstärkte städtische Unterstützung) sind Etappen beim Aufbau eines freien Theaters der Zukunft, das für die Republik auf diese Weise bereits Modellcharakter erhalten hat.

In den letzten Jahren haben wir eine Expertise darin entwickelt, den Tendenzen zeitgenössischer Theaterproduktion gerecht zu werden, nämlich die sehr unterschiedlichen Anforderungen verschiedener, sich partikularisierender Ästhetiken und Zuschauergruppen unter einen Hut und auch miteinander ins Gespräch zu bekommen. Entstanden ist ein Mehrgenerationenhaus, das seinen Theaterschaffenden nicht nur eine professionelle Produktionsweise auf Augenhöhe bietet, sondern sie auch dazu auffordert, die ästhetischen Gegensätze auszuhalten und nicht sie der Politik zur Auflösung anzutragen. Die Kapazitäten dieses Theaters in der Naxoshalle als Produktionshaus sind ausbaufähig. Mit den entsprechenden infrastrukturellen Investitionen ließe sich der Spielbetrieb so erweitern, dass noch zusätzliche freie Gruppen dazu eingeladen werden könnten, unsere Strukturen zu nutzen und an dem Modell mitzuwirken. Dazu sind weitere Entwicklungsschritte erforderlich. Diese betreffen die Herstellung und Stabilisierung von Leitungsstrukturen, welche der Komplexität eines solchen erweiterten Zentrums für freie Theaterarbeit in Frankfurt gewachsen und den zu fördernden künstlerischen Bereich in Qualität und Quantität angemessen zu steuern in der Lage sind. Was aber den dafür erforderlichen Ausbau der Verwaltung, der Technik, der Lager- und Proberäume und der Potentiale für eine wirksame regionale und überregionale Werbung nach sich zieht, wird nur möglich werden, wenn sich die Politik und speziell die Kultur-Politik für eine solche Entwicklung interessieren und erwärmen lässt.

gez. Willy Praml

für das Theater Willy Praml und studioNAXOS

Frankfurt am Main, im September 2019

Auszeichnung mit Walter-Dirks-Preis
Willy Praml ist am Samstag, 26. Mai 2018 mit dem Walter-Dirks-Preis ausgezeichnet worden.